Warum ich gerne im Emmental wohne.

Der Vorgang ist in der Schweiz von heute alltäglich: Ein Gruppe besoffener Minderjähriger zieht nachts durch ein Wohn- und Gewerbequartier,demoliert Autoscheiben, wirft Schaufenster ein, verursacht Sachschäden in Höhe von mehreren 10’000 Franken.
In Möchtegern-Metropolen wie der Stadt Bern hören wir dann die rot-grüne Regierung etwas von “gesellschaftlichem Wandel” näseln. Das bedeutet nichts anderes als “Henu, ihr seid selber die Dummen – wir sind zwar die Regierung, aber etwas tun, das tun wir nicht” .

Diese Dummen sind die Opfer, sie haben den Ärger, müssen herumrennen, den Schaden beheben lassen und die Kosten bleiben an ihnen hängen. Und die wirklich dummen sind die Wähler, die nicht daran denken, dass auch sie zu Opfer werden können.

Dann gibt es noch den Teil der Schweiz, wo es die Leute nicht so weit kommen lassen. Über einen solchen Vorfall aus Burgdorf lesen wir heute in der Bernerzeitung: Die besagten Eltern haben ihre Jungen bei den Ohren genommen, sind mit ihnen persönlich auf dem Polizeiposten aufgekreuzt und haben sie aufgefordert: “Jitz säg, was D’ gmacht hesch!”

Wenn denn schon die Minderjährigen besoffen und feige waren, so waren deren Eltern verantwortungsbewusst und lehren sie den Anstand.Bravo, das nennt man “Erziehung”.

So kommt es, dass der Stadt-Land-Gegensatz im Kanton Bern längst kein Gegensatz mehr ist zwischen agrarisch-handwerklicher Landbevölkerung und verbeamtet-industrialisierter Stadtbevölkerung. Die Berner pendeln zur Arbeit. Sie suchen sich den Wohnort, wo noch Recht und Anstand herrschen auf dem Land. Oder sie entscheiden anders und bleiben in der Stadt, wo man alles gratis haben kann, oder fast gratis, oder gemogelt gratis oder zumindest versprochen gratis, wo man zumindest immer eine Ausrede zur Verfügung bekommt, wenn man sich grad nicht kümmern will, lieber nicht hinstehen will, sich lieber ein bisschen hinter den anderen versteckt oder den harmlosen spielt.

3 Antworten zu Warum ich gerne im Emmental wohne.

  1. Das wird vielleicht die Auseinandersetzung der Zukunft sein, zwischen den Städten und dem “Land”. Anführungszeichen, weil dank Globalisierung, Internet und komplett veränderten Kommunikationsbedingungen der Gegensatz zwischen metropolitanen Zentren und der Provinz gänzlich aufgehoben sind. Es gibt eigentlich keine Provinz mehr, alles ist im globalen Dorf drin. Klar sind die Städte pulsierende Zentren aber es wird immer Zentripetalkräfte geben, die mit Macht den Ausgleich gegen eine zu grosse überbedeutung der Städte und Ballungsräume anwirken.
    Nicht nur in verfassungsrechtlicher, ökonomischer, finanzieller und historischer Hinsicht ist der ländliche Raum die notwendige Antithese zur Stadt. Und es ist kaum so, dass aller Fortschritt nur in der Stadt stattfindet und die Provinz hinkt hinterher, vielmehr bedingen sich der Stadt- und der Landraum gegenseitig, sind ohne einander nichts.
    Man kann vielleicht von verschiedenen Tempi sprechen, von anderen Vorstellung von Nachhaltigkeit, Beständigeit und auch Reflektiertheit (wie hoch ist im Gegensatz zum Land die Halbwärtszeit eines Hauses in der Stadt?). Einfach von verschiedenen Prioritätensetzungen und Chancen der beiden Räume.

    Es wäre dumm, das eine gegen das andere auszuspielen.

    Bleibt eigentlich nichts weiter als der Mythos Stadt. Dieser Mythos wird natürlich vor allem von den Hohepriestern der Urbankultur am Leben erhalten. Modern, urban, fortschrittlich, zeitgeistig, schnell, oberflächlich – der derart sich mit Adjektiven schmückende Zürcher fühlt sich einem sich mit ähnlichen Adjektiven schmückenden Berliner, New Yorker und Shanghaier scheinbar mehr verwandt, als seinem Landsmann aus Hinwil, Bettwil oder dem Toggenburg. Die Welt als eine Ansammlung von ein paar Städten.
    Nun gut, es ist wahr: ein Grossteil dessen, was wir zeitgenössischen Menschen als “Kultur” bezeichnen, konsumieren und leben, ist klar stadtorientiert. Was natürlich keineswegs heisst, dass alles was in der Stadt produziert und gelebt wird, automatisch einen kulturellen Wert besässe.
    Aber schon in ökonomischer Hinsicht trofft dies nicht zu, in den Mega-Cities wird zwar viel Geld (Finanzwirtschaft) abgeschöpft, verdient, umgesetzt und verwaltet, aber meist ist der Bauch, die Seele, das Herz und der lustvolle, vitale Körper einer Volkswirtschaft eng und stark mit dem Land verbunden.
    Auf politischer Ebene haben dank des Föderalismus die Rand- und Landgebiete ohnehin ein Gewicht, dass bisweilen sogar mir als absurd erscheint. Und mit dem fortschreitenden, alarmistisch unter “Zersiedelung” an die Wand gemalten Teufel, werden die Grenzen zwischen Stadt und Land zusehends unschärfer.
    In ihrem geliebten Emmental, lieber Max, sieht es an manchen Orten industriell-zersiedelter und mit trostlosem Zivilisationsmüll zugedeckter aus als im Kirchenfeldquartier in der Stadt Bern…

    Ich kenne viele Leute, die sich als Stadtbewohner sozusagen als die Speerspitze der Aufgeklärtheit, der Fortschrittlichkeit schlechthin sehen. Die Gefahr ist bloss, dass in diesem Rausch manchmal die Bodenhaftung verloren geht und der Blick auf das wirklich Wesentliche, das Grundlegende, das aus der Tiefe, aus der Erde, aus dem Biden kommende verloren geht. Und unreflektiert einfach alles, was irgendwie nach neu und modisch und nach Stadt riecht automatisch als allein selig machend und etwas Gutes annehmen.

    Und Identität?
    Gibt es denn überhaupt zum Beispiel eine Schweizerische Identität unter diesen Bedingungen? Oder sind es zwei Identitäten, eine provinzielle und urbane, die grundverschieden sind, wie es manche Abstimmungsresultate vermuten lassen? Oder ist die Identität die Synthese aus den beiden Identitäten?

    Welch altmodische Fragestellung, ich weiss. Wenn man den obenerwähnten Hohepriestern glaubt, dann ist Identität sowieso etwas , das sich jenseits von räumlichen, geschlechtlichen, biologischen, sozialen oder politischen Rahmenbedingungen abspielt: sondern im ja so freien, infantilen Individuum selber, das sich wie ein gigantisches Baby ein Universum schafft indem es die Sterne anfasst (ich will) und jenes All um es rotieren lässt. Narzissmus, Dekadenz, Wansinn – die Stadt bietet dafür einen nahrhaften Boden.

  2. Um noch auf meinen Anfangssatz zurückzukommen: Die Auseinandersetzung der Zukunft könnte es sein, weil wir etwa in Amerika, das in einem stark bipolaren Stadt-Land-Verhältnis lebt, die Gräben umso tiefer sind, je grundsätzlicher die Fragestellung. Dieser Tage erleben wir, wie in grundlegenden Fragen ein Kompromiss in den USA nur auf Kosten grosser Bevölkerungsteile möglich wäre. Die amerikanische Politik ist in dieser Hinsicht die am weitesten entwickelte in der westlichen Hemisphäre – weil in den grossen, abstrakten, basalen Fragen die tiefer liegenden Konflikte unseres Zeitalters aufbrechen. Die beiden Lager (und es handelt sich nicht nur um links/rechts sondern – umfassender – um progressiv/konservativ, um dirigistisch/freiheitlich, um kommunitaristisch/liberal und um werterelativistisch/christlich-geprägt) stehen sich unversöhnlich gegenüber, weil sich in ihnen zwei ganz unterschiedliche Entwürfe von ein und derselben Gesellschaft und dem Land manifestieren. Und gerade weil sie in vielen Fragen je etwa gleich grosse Wählerstärken aufweisen, die wiederum tiefen Einblick in das Denken und Fühlen, die Haltung, die Überzeugungen, die Wertehaltungen und die Wümsche und Sehnsüchte der Bürger blicken lassen.

    In den USA zeigt sich der Graben zwischen Red States und Blue States eben am Unterschied Stadt-Land am offensichtlichsten. Oder umgekehrt.

    Und Amerika ist uns hier in Europa in vielem so ungefähr 20 Jahre voraus, da es neuere Entwicklungen schneller umsetzt, weil es (als Kulturrraum) eben homogener ist, als unsere durch historische, sprachliche (!) und soziale und kulturelle Zerklüftungen wesentlich komplexeren europäischen Gesellschaften.

  3. Das beobachte ich allgemein: Immer mehr Bekannte ziehen es vor, auf dem Land zu leben und in der Stadt zu arbeiten. Scheint ein Trend zu sein und wird von vielen als “Lebensqualität” bezeichnet. Nicht nur in Bern!

    Anmerkung vom Admin: 21.1.2012 email-Adresse gegen einen nick ausgetauscht.

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